#GESPRÄCHE_IN_GRENZEN (2): #André_Heller

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Der Künstler als sehr junger Mann

„Gespräche in Grenzen“ sind keine Interviews, sondern (oft stundenlange) Versuche, sprechend Außen-Ansichten und liebevoll gepflegte Images zu korrigieren. „Gespräche in Grenzen“ sind Protokolle, die Günter Verdin für SDR 3 aufzeichnete. Das Gespräch mit André Heller entstand im Jahr 1985.

„Wir sind nicht als Menschen geboren worden“, sagt André Heller, „sondern als Entwürfe zum Menschen. Wir sind auf der Welt, um uns lernend zu verwandeln. Wir können uns aber nur lernend verwandeln, wenn wir unser Lernpensum erfüllen. Mein Lernpensum besteht darin, durch alle Schwierigkeiten, die alle zu meinem Wohl eingerichtet sind, durchzugehen und das, was ich als meinen Auftrag erkannt habe, zu verwirklichen.“

Heller spricht von seinen Träumen. Ich bewundere an ihm die Zielstrebigkeit, mit der er seine Träume der Wirklichkeit überlässt. Mir fällt Gaudi ein, der beinahe gnadenlos ganze Städte mit seinen Jugendstillbauten übersäte. „Man hört ja immer nur von den Dingen, die realisiert wurden. Aber ich bin kein Glückskind, dem alles zufliegt. Ich habe gelernt, dass die Frucht am Ende aller Schwierigkeiten eine sehr köstliche ist. Man lernt immer, auch wenn etwas nicht gelingt.“

Poesie ist das Brot der Seele

Träumen ist ein Prozess, der mit geschlossenen Augen abläuft. Muss man auch die Ohren verschließen, um so hartnäckig wie Heller träumen zu können?
„Es ist ja nicht umfassend geliebt, was ich ich tu. Das finde ich auch auch ganz richtig.“

Noch habe ich den Eindruck, dass Heller die Liebe anderer ohnedies weniger benötigt als die eigene zu sich selbst. Später werde ich dieses Vorurteil korrigieren.

„Künstler sollen nicht verlangen, dass alle Welt auf ihrer Seite ist. Für viele ist das oft sperrig und unverständlich, manchen erscheint ja Kunst sträflicherweise als Luxus. Sie begreifen nicht, dass Kunst eine der Grundnotwendigkeit des Lebens ist. Poesie ist das Brot der Seele, habe ich einmal gesagt.“ Er zitiert sich genau so oft selbst wie er andere zitiert, denen er sich geistig brüderlich verbunden fühlt. Er wirkt dabei übrigens nicht eitel, eher irritiert, weil ihm keine besser zutreffende Formulierung einfällt als die schon gebrauchte. Heller sieht sehr wohl die Egozentrik des Träumens, aber er hat auch eine soziale Komponente entdeckt: die der Ermutigung: „Es gibt Menschen, die meine Erfahrungen und meine Arbeitsergebnisse für sich brauchen, weil es sie an die Möglichkeiten der eigenen Kreativität erinnert. Ich kann nur sagen, das sind meine Lösungen, und es hat sich für mich ausgezahlt, die Herausforderungen anzunehmen, und ich rate jedem, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen und sich lernend zu verwandeln, denn am Schluss kann man sich selbst besser achten und geht ohne Magengeschwüre schlafen.“

Welt der Zwischentöne

Vielleicht ist der Begriff Traum im sprachlichen Gebrauch zu passiv besetzt? „Was ich unter Traum verstehe, das meint eine bessere Welt, eine Welt der Zwischentöne, die Erbarmen mit uns hat, in der man sich selber zugeben darf, wo man nicht ununterbrochen lügen muss. Jeder Mensch ist ein Wunder und hat ein Recht, sich achten zu dürfen. Diese Gegenwelt müssen wir errichten gegen die banale und demütigende Welt, die uns die Politiker, die Machthaber und die großen Konzerne beschert haben. Wir müssen sie herstellen mit den Mitteln der Phantasie, aber, realistisch gesehen, auch täglich dafür arbeiten. Es nützt nichts, wenn man zu Hause sitzt und davon träumt, man muss diese Welt verwirklichen. Ich sage immer, dass der Gedanke zur Tat schrumpft. Es wird natürlich kleiner, aber das kleinste Verwirklichte ist immer noch besser als das kühnste Nichtverwirklichte. “

Ein Narr ist derjenige, der sich irren darf

Heller ist Optimist. Er glaubt an die Schneeballwirkung dessen, was er in die Welt setzt. Doch er kennt natürlich auch depressive Phasen, wo er das alles als nichtig und unwichtig betrachtet:“Ich verstehe auch sehr viel von der Kritik, die an mir geübt wird, also Einwände wie: Ist das denn überhaupt noch seriös? Wie kann denn jemand auf so vielen Hochzeiten tanzen? Ich verstehe, dass einen das verwirren kann, aber ich weiß auch, dass das meine Begabung so will, dass sie auch das Recht hat, das zu fordern, sonst hätte ich diese Begabung nicht in diesem Maße. Ich verstehe mich als jemand, der sozusagen angestellt ist bei sich selber und versuchen muss, alles möglichst wahrhaftig zu verwirklichen, wovon er träumt. Und ich glaube, dass die Macht der Phantasie sehr groß ist. Ich meine, dass wir in dieser harten realen Welt nur dann eine Chance haben zu überleben, wenn wir die Haltung, die Menschen wie ich vertreten, zu einer allgemeinen Haltung machen. Wir können nicht mit der Gefährdung, mit der Waffenbedrohung und der ökologischen Situation leben, dieser Zeitbombe, die ja teilweise schon explodiert ist, ohne uns zu verändern. Es gibt einen magischen Zusammenhang zwischen der Effizienz unserer Forderungen und dem, was wir leben. Unsere Forderungen sind nur soviel wert, wie wir selber davon leben. Und das ist schwierig. Ich bin jemand, der das für sich noch nicht im Geringsten verwirklicht hat, sondern der sich täglich bemüht, die Schlacht gegen sich selbst nicht zu verlieren.“

Träumer und Narren verändern die Welt, indem sie ihre Visionen leben. Eine LP von André Heller hat den Titel „Narrenlieder“. Der Narr als literarische Figur ist ein schönes Bild für das bessere Wissen in uns, das wir vor den äußeren Zwängen verbergen. Für Heller ist der Narr jemand mit einer anderen Sensibilität: „Ein Politiker darf sich nicht irren, er kann nicht übermorgen sagen: ich habe vorgestern etwas gesagt, was heute nicht mehr stimmt, denn ich habe gelernt. Nein, er lernt nicht, er ist stolz, dass die Position, die er vor acht Monaten eingenommen hat, scheinbar noch immer stimmt. Er darf sich nicht widerrufen, in Frage stellen. Dadurch wird er zum Unmenschen, er wird zu einem gequälten, valiumgepölzten Geschöpf. Ein Narr ist derjenige, der sich in irrten darf.“

Furchtlos vor der Macht

Bevor Heller daranging, der Wirklichkeit Poesie zu verordnen, arbeitete er an der eigenen Entwicklung. Dass er in einer Großindustriellenfamilie aufgewachsen ist, sieht er als große Chance: „Ich habe früh viele Städte gesehen, ich bin aufgewachsen mit einer wunderbaren Bibliothek und herrlichen Büchern, ich lernte früh berühmte Architekten und Schriftsteller kennen, die bei uns zu Gast waren. Und ich habe früh gelernt, keinen Respekt vor Obrigkeiten zu haben. Das ist eines der unbezahlbaren zentralen Dinge in meinem Leben, dass ich das Gefühl habe: kein Mensch darf mich zusammenscheißen. Ich kann einen bestimmten Tonfall nicht ertragen. Ich bekomme auch keine Schweißhände, wenn der Bundespräsident auf mich zukommt, ich denke mir, das ist ein Diener an diesem Staat, den ich im positiven Fall mitgewählt habe. Ich glaube, ich hätte mich nie so durchsetzen und so viele Dinge verwirklichen können, wenn ich diese Furchtlosigkeit vor den Reichen und Machthabern nicht hätte. Das ist natürlich eindeutig ein Ergebnis der privilegierten Situation, in der ich aufgewachsen bin in einem Bezirk, wo sich die Polizisten vor den Villenbesitzern gefürchtet haben und nicht umgekehrt.“

Das Obrigkeitsdenken hat in Österreich einerseits Tradition, anderseits wurzelt es in den Existenzängsten des Bürgers und seinem Sicherheitsbedürfnis. Heller behauptet, das ihm Existenzangst Fremdwort sei: „Ich habe ja sehr oft kein Geld gehabt. Nach dem Tod meines Vaters ist die Firma verkauft worden. Meine Mutter musste ganz normal arbeiten gehen wie Millionen andere Frauen auch. Es ist also nicht so, dass ich jetzt schöpfen könnte aus dem materiellen Schatz, der einmal da war. Ich besitze auch kein Vermögen. Alles, was ich an Kunstwerken besitze, ist nur da als Pfand. Wann immer ich ein Projekt mache, setze ich das ein, damit ich keinen Chef über mir habe, der mir diktieren kann. Meine Existenzangst besteht darin, nicht genügend Freiheit zu haben, meine Pläne zu verwirklichen.“

Gift der heilen Welt des Schlagers

Heller hat denn auch ganz realistisch, um Geld zu verdienen, bei Ö3 als Diskjockey angefangen.“ Ich fand die Rockstars, die ich kennenlernte, von Jimy Hendrix über die Beatles und die Stones bis zu Janis Joplin um keine Spur interessanter als mich selbst, ich fand sie größtenteils uninteressanter als mich. Ich habe überhaupt nicht eingesehen, warum ich Berichterstatter über andere Leute sein soll.“
Heller beschloss also, seine eigenen Platten zu produzieren. Für den Zuhörer erscheint es als außerordentliches Glück, dass Heller immer ganz hervorragende Musiker fand, mit denen er seinen lyrischen Intentionen eine auffallend stimmige klangliches Umsetzung angedeihen ließ. Heller widerspricht: „Das ist überhaupt kein Glück. Das ist eine Willenserklärung, die man in die Tat umsetzt. Ich habe mich immer darum bemüht, dass die besten Musiker auf der ganzen Welt meine Geschichten mit ihren Mitteln miterzählen. Ich habe bereits vor zehn Jahren mit Chaka Khan ein Duett gesungen, sie ist heute ein Weltstar. Ich habe mir auch Partner aus dem klassischen Bereich geholt, ich habe mir wunderbare persische Musiker ausgesucht. Mir erscheint die Musik wichtig genug, um sie nicht von Studiomusikern spielen zu lassen, die heute für Christian Anders und morgen für mich zur Trommel greifen. So wie es einen sauren Regen gibt, gibt es auch ein saures Gehirn, voll mit dem Gift der heilen Welt, wie sie die Schlager suggerieren. Dieses Gift geht nicht mehr aus dem Körper.“

Die Lieder des André Heller stellen nur die eine mögliche Antwort auf die verschiedenen Fragen dar. „Es gibt Fragen in meinem Leben, die beantworte ich mit einem Theaterstück für Feuerwerk, es gibt Fragen, die beantworte ich mit meinen poetischen Varieté-Programmen. Es gibt Fragen, die beantworte ich mit einem Labyrinth oder mit einem Blumenbild auf der Gartenschau. Und dann gibt es bestimmte Situationen, da bleibt mir als Notausgang nur ein Lied. Deswegen sind meine Platten meistens so melancholisch, weil ich meine Euphorien in anderen Dingen loswerde. Wer nur meine Platten kauft, der glaubt, ich bin so ein umflorter, umwölkter Gipfel mit den Füßen im Laub und oben irgendwo in der Traurigkeit. Das ist falsch. Ich bin ein sehr euphorischer Mensch, der gerne lacht. Das war ja alles in Flic-Flac zu sehen. Und meine Pathetik, mein Wahnsinn, das kam bisher sicher am besten im Feuertheater zum Tragen.“

Zwischentöne im Zirkus

Der Circus Roncalli machte Heller auch in der Bundesrepublik Deutschland bekannt. Über das künstlerische Konzept kam es zwischen ihm und dem Zirkusbesitzer Bernhard Paul zu unüberwindbaren Differenzen. Paul führt den Zirkus, nach der Trennung von Heller, mit großem Erfolg weiter. Heller ist inzwischen weise geworden: „Das war ein schwerer Fehler von mir. Das war reiner Machtwahn. Ich habe Bernhard Paul einfach in einer rotzigen Weise in allen Dingen übergangen, ich habe ihn missachtet, weil ich den Wahn hatte, dass mir in mein künstlerisches Konzept niemand dreinreden dürfe. Als dann der Erfolg kam, haben wir ihn einfach hinausgeschmissen. Doch er hat sich eines Tages darauf besonnen, dass ihm der Zirkus ja gehört. Dann bin ich weggegangen. Das war falsch. Wir hatten ein herrliches blühendes Kind, das Tausende von Menschen Freude gemacht hat, und ich habe das einfach aus Sturheit sterben lassen. Ich glaube, dass Zirkus etwas Wunderbares ist, und dass der Roncalli, der ja heute noch auf Reisen ist, einfach der beste Zirkus ist, den es auf der Welt gibt. Auch der jetzige, mit dem ich überhaupt nichts zu tun habe, ist einfach ein grandioser Zirkus! Er wirbt für eine bestimmt Sinnlichkeit, und er wirbt für Zwischentöne, und das ist gut so.“

(Fortsetzung folgt)

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