Mineralölfreier #ADVENTKALENDER .18.Dezember: #KARL_KRAUS #WEIHNACHT

20121213-215150.jpg
Karl Kraus
Weihnacht

Als ich am heiligen Abend mit einem Freunde reiste, um der Stimmung zu entgehen, zu der uns die Stimmung fehlte, erkannte ich, wie sich das Bild der Welt verändert hat, seitdem ihr die Stimmung vorgeschrieben ist. Drei Handlungsreisende, die in der dritten Wagenklasse nicht mehr Platz gefunden hatten, drangen in unser Coupé und begannen sofort von Geschäften zu sprechen. Sie sprachen aber in einem Ton, der etwa den Ernst jenes Lebens offenbarte, aus dem die Anekdoten ihren Humor schöpfen. Wir räumten das Feld, und nachdem wir eine Weile von draußen einem Kartenspiel hatten zusehen müssen, bekamen wir Plätze in der ersten Klasse angewiesen. Dort erkannte ich die Bedeutung dieses Abenteuers in dieser Nacht. Wer ohne Abschied von Gott den Zug bestiegen hat, wird ihn als guter Christ verlassen. Er ist bekehrt, er sehnt sich wieder nach dem Duft von Harz und Wachs und Familie. Ihm, nur ihm wurden solch heilige drei Könige gesendet … So hätten auch wir unsere Weihnacht erlebt, wenn nicht die Stimmung, der wir uns also ergeben mußten, durch eben jene wieder gestört worden wäre. Denn sie drangen nun auch in die erste Klasse und verlangten Genugtuung, weil sie vermuten zu können glaubten, daß wir uns über ihr morgenländisches Betragen beim Schaffner beschwert hätten. Sie sagten stolz, sie seien Kaufleute. Sie zogen die Stiefel aus und spielten Tarock. Sie borgten sich die Ehre von Gott in der Höhe, nahmen den Frieden von der Erde und waren den Menschen kein Wohlgefallen. Wir aber, die den Weihnachtstraum wieder entschwinden sahen, beugten uns vor der Übermacht der Religion, für die sie reisten … Wer vermöchte sich ihr zu entziehen? Sie drang aus der dritten empor in die zweite Klasse und sie übt Vergeltung bis in die erste Klasse. Im Diesseits und im Jenseits gewinnt sie um geringern Lohn den bessern Platz. Sie läßt das Leben nicht zur Ruhe kommen und in der Kunst erreicht sie es mühelos, daß man ihr die bequeme Geltung einräumt. Sie ist da, und man flüchtet auf den Korridor. Zieht man sich dann aber in die Unsterblichkeit zurück, so verschafft sie sich auch dort Einlaß. Sie ist da und dort. Vor der Allgewalt des Geschäftsreisenden ist in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen.

Tiefgründig, immer aktuell, provokant und stets in Bewegung. Dafür liebt das Publikum Mathias Richling. In seinem neuen Buch „Deutschland to go“ seziert der Stuttgarter Kabarettist – gewohnt streitlustig – unsere politische Gegenwart und entlarvt die Schwachstellen des deutschen Staates. Wir haben mit ihm über Deutschland und die Welt gesprochen.

INTERVIEW ANSEHEN:
http://www.youtube.com/watch?v=fZuZZoth86Q

Mathias Richling

Deutschland to go

272 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 27,90

ISBN-13: 9783550080036

Auch als HÖRBUCH erhältlich!

__ATA.cmd.push(function() { __ATA.initVideoSlot('atatags-370373-62f4085ccb624', { sectionId: '370373', format: 'inread' }); });

#Andre_Heller_favorisiert #Verdins sporadisches #Tagebuch

Siehe Twitter @AndreHellerCom

Siehe http://www.verdinguenter.blogspot.com
DER BLOG DER UNTERHÄLT

#Günter_Verdins sporadisches #Tagebuch.#André_Heller.#Helmut_Qualtinger.#Dolores_Schmidinger

Freitag,16. März 2012
Dass mich ausgerechnet Andre Heller dazu zwingt, eine Tagebuchnotiz zu schreiben, der vielleicht keine zweite folgen wird, vielleicht aber doch, ist wundersam. Denn Andre Heller ist der Hassgeliebte meiner Jugendzeit, wegen ihm und dem Qualtinger pilgerten wir als Schauspielschueler ins Café Hawelka, um sie dort hofhalten zu sehen. Das war die Zeit, wo der damals schon bekannte Filmbösewicht Herbert Fux tagsüber die Kaerntnerstrasse auf und ab lief und jede zweite Frau deutlichst anbaggerte mit den Worten: „I bin der Herbert Fux, wollen Sie mit mir schlafen.“ Es gab damals also, neben meiner bestbürgerlich- katholisch-sehnsuchtsgehemmten Welt ein Paralleluniversum, in dem alles möglich war, nur für einen selbst nicht.
Den Heller, der damals den Dandy, und bei Oe3 den Schnösel spielte, habe ich bewundert und verachtet, weil er so aufdringlich war in allen seinen künstlerischen Bemühungen, mit denen er nur eines im Sinne hatte: dem bürgerlichen Wien, dem er entstammte und aus dem die Flucht ihm bis heute nicht gelang, den Hintern zu zeigen. Es war die Zeit, als ich als Jungmime den ersten Minirock für Männer unter großem Pressehallo auf der Neubaugasse vorführte, und den leitenden Job beim „blinkfeuer“ ,dem Blatt für die Katholische Studierende Jugend verlor, weil ich einen Dialog zweier im Bett liegender Jugendlicher veröffentlich hatte. Ich war da aber auch schon aufgefallen, weil der Karteikasten des „Jungen Arbeiter“ auf den Boden gefallen war, und mir unterstellt wurde, ich hätte auf dem Schreibtisch mit meiner Freundin Dolores unzüchtig gehandelt, was ich natürlich bestritt und diese Lüge bis jetzt noch nicht gebeichtet habe. Allerdings: diese Mutwill-Aktionen hatten nicht im Geringsten den Glamour der Hellerschen Skandale.
Siehe dazu das soeben erschienene Buch von DOLORES Schmidinger „Ich habe sie nicht gezählt“, wo die Geschichte anonymisiert ausgebreitet wird.

Heller habe ich später für den damaligen SDR in Stuttgart interviewt. Er promotete sein Projekt „Begnadete Körper “ und ich stritt mit ihm über den Titel und warf ihm unkritischen Körperkult vor. Er hörte interessiert zu und brachte im Gespräch dann doch alles unter, was er sich vorgenommen hatte und was ihm werbedienlich schien.

Vorgestern erst kam mir der Heller wieder unter, als gezeichnetes Porträt von Andy Warhol ( es gibt bei Google nur eine einzige Abbildung davon; das Magazin FOCUS hütet dies wie ich meinen Augapfel und schaltet sofort eine Anzeige, wenn das Bild veröffentlicht wird.)

Das alles wäre aber wahrlich kein Grund, ein sporadisches Tagebuch anzulegen. Schuld ist das Magazin der Süddeutschen, das am Freitag der Zeitung beigelegt wird. Ich lese eigentlich lieber die FAZ, aber die Süddeutsche bekam ich gratis im ICE auf der Fahrt nach Stuttgart.
Sven Michaelsen entlockte dem Heller im Gespräch über die eben erschienene Biographie von Christian Seiler („Andre Heller, Feuerkopf“) viele intime Wahrheiten, die das Anwidernde im Benehmen des jungen Heller in anderem Licht erscheinen lassen. Und vielleicht auch das von Helmut Qualtinger. Der besuchte uns einmal in der Schauspielschule und hatte eine besonders hübsche Kollegin ins Auge gefasst. Um sie geneigt zu machen, versuchte er ihr den blassen und schüchternen Freund madig zu machen. Mir wurde das zuviel und ich motzte ihn an – ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – er solle das gefälligst lassen, sich auf Kosten eines Schwächeren zu amüsieren. Irgendwie war dann die gute Stimmung leider im Eimer, in den ich vorher hätte kotzen wollen.

Was mir in dem Interview mit Heller am besten gefällt, ist nicht nur die Ehrlichkeit, sondern auch das Anekdotenhafte.

Heller erzählt: Am Nachmittag begleitete ich (John) Lennon zum Flughafen. Als wir uns dem Zentralfriedhof näherten , sagte ich, dass sein Kollege Franz Schubert hier liege.Er ließ die Limousine stoppen, und wir liefen zu den Ehrengräbern. An Schuberts Grab stehend fiel ihm auf, wer da im Umkreis von 20 Metern noch seine endgültige Unruhe gefunden hatte: Mozart, Beethoven, Brahms, Johann Strauss. Er sagte: „Was für eine aberwitzige Versammlung!“, zog den Schnürsenkel aus seinem rechten Schuh und legte ihn mit den Worten „statt Blumen“ auf Schuberts Grab.

Das Interview endet übrigens mit folgenden Worten: „Meine Mutter wird heuer 98. Sie sagt:’Bis 90 war es ein Vergnügen, dann wird alles Disziplin.'“

Von dieser Heller-Erkenntnis wird auch meine Mutter sicher profitieren ; sie ist heuer 90 geworden.

Bitte weiterlesen unter http://www.verdinguenter.blogspot.com

Bloggen auf WordPress.com.