Fremd zieh ich wieder aus: der #Schauspieler #Jens_Harzer

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Das ist aber ein lieber Junge, der da auf die Bühne des ehemaligen Salzburger Stadtkinos schlurft! Sehr höflich, stets sehr freundlich lächelnd, immer ein (gutes?) Buch zur Hand. Der wortlosen Eiseskälte in der Familie seiner Freundin setzt er seine eigene Coolness entgegen. „Der Name“ heißt das Stück von dem Norweger Jon Fosse, das am 6. August 2000 als Ko-Produktion der Salzburger Festspiele mit der Berliner „Schaubühne am Lehniner Platz“ unter der Regie von Thomas Ostermeier in deutscher Übersetzung uraufgeführt wurde.

Schuberts „Winterreise“ habe er sich während der Rollenarbeit immer wieder angehört, sagt der junge Schauspieler Jens Harzer. „Warum lächelt der junge Mann? Selbstschutz, Scheu, Angst…womöglich auch eine Verachtung der Familie gegenüber, die er in Höflichkeit bündelt. Das Fremdsein drückt sich im Körper anders aus als im Gesicht, der Körper will weg, und man sitzt doch in der Gegend herum. Im Laufe des Stücks verändert sich die Figur aber, sein Gesicht wird immer verschlossener. Als einziger zieht er die Konsequenz, er verlässt das Haus als Fremder.“

Abgründe der Seele: immerhin ist die Freundin schwanger, der junge Mann entzieht sich der Verantwortung, ist ebenso wenig wie die Familienmitglieder in der Lage, sich zu artikulieren. Das Herz : die Mördergrube lauter toter Gefühle. Wie Harzer das spielt, lauert der Schrecken der Wortlosigkeit, der Sprachverweigerung in allen Ecken……

Das ist aber ein lieber Junge, der da neben einem im Salzburger Cafe „Tomaselli“ sitzt, ein bisschen schlaksig, mit unendlich traurigen braunen Augen und einem schmalen, blassen ernsten Gesicht. So einer weckt sämtliche Mutter- und Vatergefühle, die in der Umgebung abrufbar sind.

So muss es auch Jörg Hube ergangen sein, als er Jens Harzer bei der Aufnahmeprüfung für die Münchner Falckenberg-Schule „durchboxte“. Davor war Harzer bereits von der Folkwangschule in Essen abgelehnt worden. Heute hat er sogar Verständnis dafür: „Das sind doch immer ganz subjektive Wahrnehmungen der Prüfer, wenn man da als 18jähriger anrückt und etwas vorspielt. Ich würde da niemandem einen Vorwurf machen. Man kommt aus einem kindlichen Nichts, und da gucken Leute zu, die müssen dann sagen, ob das gut oder spannend ist. Das gehört wohl dazu, dass Leute, die etwas können, zuerst abgelehnt werden, oder erst später, oder auch nie entdeckt werden, oder manche sofort, die vielleicht nach drei Jahren Schule völlig geheimnisvoll sind. Als ich von Essen nach Hause gefahren bin, habe ich so etwas wie Scham empfunden: die Scheu wächst durch Ablehnung.“

Wird man da nicht zum großen Philosophen, wenn man am eigenen Leib erfährt, dass ein einziger Mensch, in diesem Fall Jörg Hube, die Weichen für die Zukunft stellen kann?

Harzer: „Das hat sich mir von Anfang an dargestellt, wie sehr dieser Beruf vom Glück abhängig ist. Nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule gibt es ein halbes Probejahr, dann findet wieder eine Prüfung statt, die über die Möglichkeit des Weiterstudiums entscheidet. Drei Wochen vor dieser Prüfung sagte ein Lehrer zu mir, dass ich ein sehr schmales Talent hätte. Ich habe gelacht und frech gesagt: ,Aber wenigstens Talent, oder ?‘ Gleich nach der Prüfung machte Christian Stückl seine zweite Inszenierung an den Münchner Kammerspielen: ,Viel Lärm um Nichts‘ und holte mich für eine kleine Rolle.“

Mittlerweile zählt Harzer zu den jungen Stars der „Kammerspiele“, hat mit Regiestars wie Dieter Dorn, Herber Achternbusch, Peter Zadek oder jetzt, in Salzburg , mit Thomas Ostermeier gearbeitet. Er hat den Urfaust und den Tasso gespielt.

Welche Eigenschaften sollte ein Regisseur haben, dem sich Harzer gerne anvertraut?

„Ganz utopisch formuliert, ist es der Zauber, der von einer Arbeit ausgeht, von der gemeinsamen Beschäftigung mit dem Stück, die womöglich dann zur Verführung wird, in welcher Handschrift auch immer. Voraussetzung ist der gemeinsame Traum von einer Arbeit. Man folgt ja auch gerne Gedanken, die man selber noch nicht gehabt hat.“

Obwohl die „Kammerspiele“ die künstlerische Heimat von Harzer war, hat er auch neugierig – und mit von Kritik und Festspiel-Publikum hochgewürdigtem und respektiertem Ergebnis – als Gast mit den „Schaubühnen“- Leuten zusammengearbeitet. Braucht Harzer das familiäre Umfeld eines gewachsenen Ensembles für die künstlerische Arbeit? „Ich habe das bisher jedenfalls geglaubt. Hier in Salzburg war ich sozusagen zum ersten Mal in der Fremde. Es war nicht einfach. Gerade, wenn man wie ich literarisches Theater machen möchte, das Stück und den Dichter ernst nimmt, wenn man an die Macht des Wortes und die Macht der Literatur glaubt, dann wächst der Wunsch, dem Stück und der Welt seines Dichters etwas abzutrotzen, ihr nahezukommen, einen eigenen Keil reinzuschlagen oder sich vollkommen verwandeln zu lassen. Das bedeutet nicht, das ich grundsätzlich etwas ausschließe, etwa die Fragmentierung von Stücken. Aber nehmen wir zum Beispiel Kleist: den braucht man doch nicht zu zertrümmern, der zeigt uns doch die Verhackstückung unserer Seelen. Je tiefer man in ein Material hineinschaut, desto mehr zeigt es seine Kehrseiten, die verschlossenen Seiten, desto mehr zeigt es auch, wie fremd es bleibt: das sollte man auch zum Thema seiner Vorstellung machen.“

Irgendwann hat der junge Schauspieler in einem Interview den Vorsatz formuliert, im Privatleben das Dramatische möglichst ausschließen zu wollen. Ist das bisher gelungen? „Das hab ich zu einer Zeit gesagt, wo ich in München sieben Rollen auf einmal spielte. Ich wollte damit ausdrücken, dass ich zwar nicht konfliktscheu bin, aber im Privaten, zum Beispiel mit meiner Freundin, auf dramatische Spannung verzichten kann. Jetzt, drei Jahre nach diesem Satz, würde ich das nicht mehr so formulieren! Es ist dann doch zu viel passiert.“

Anmerkung:

Das Gespräch fand im August 2000 statt. Seit 2009 ist Harzer festes Mitglied des Ensembles am Thalia Theater in Hamburg. 2011 wurde Harzer für seine Darstellung des Marquis Posa in der Hamburger Inszenierung von Don Karlos erneut als „Schauspieler des Jahres“ ausgezeichnet. 2012 sprach er den Stephen Dedalus im Hörspiel „Ulysses“ nach James Joyce, dem mit einer Laufzeit von mehr als 22 Stunden bis dahin längsten Hörspiel des SWR und einer der aufwändigsten Hörspielproduktionen der ARD. Harzer wurde auf der Frühjahrs-Mitgliederversammlung der Akademie der Künste Berlin am 25. Mai 2013 als neues Mitglied in die Sektion Darstellende Kunst gewählt. (Quelle: Wikipedia)

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Fremd zieh ich wieder aus: der #Schauspieler #Jens_Harzer

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Das ist aber ein lieber Junge, der da auf die Bühne des ehemaligen Salzburger Stadtkinos schlurft! Sehr höflich, stets sehr freundlich lächelnd, immer ein (gutes?) Buch zur Hand. Der wortlosen Eiseskälte in der Familie seiner Freundin setzt er seine eigene Coolness entgegen. „Der Name“ heißt das Stück von dem Norweger Jon Fosse, das am 6. August 2000 als Ko-Produktion der Salzburger Festspiele mit der Berliner „Schaubühne am Lehniner Platz“ unter der Regie von Thomas Ostermeier in deutscher Übersetzung uraufgeführt wurde.

Schuberts „Winterreise“ habe er sich während der Rollenarbeit immer wieder angehört, sagt der junge Schauspieler Jens Harzer. „Warum lächelt der junge Mann? Selbstschutz, Scheu, Angst…womöglich auch eine Verachtung der Familie gegenüber, die er in Höflichkeit bündelt. Das Fremdsein drückt sich im Körper anders aus als im Gesicht, der Körper will weg, und man sitzt doch in der Gegend herum. Im Laufe des Stücks verändert sich die Figur aber, sein Gesicht wird immer verschlossener. Als einziger zieht er die Konsequenz, er verlässt das Haus als Fremder.“

Abgründe der Seele: immerhin ist die Freundin schwanger, der junge Mann entzieht sich der Verantwortung, ist ebenso wenig wie die Familienmitglieder in der Lage, sich zu artikulieren. Das Herz : die Mördergrube lauter toter Gefühle. Wie Harzer das spielt, lauert der Schrecken der Wortlosigkeit, der Sprachverweigerung in allen Ecken……

Das ist aber ein lieber Junge, der da neben einem im Salzburger Cafe „Tomaselli“ sitzt, ein bisschen schlaksig, mit unendlich traurigen braunen Augen und einem schmalen, blassen ernsten Gesicht. So einer weckt sämtliche Mutter- und Vatergefühle, die in der Umgebung abrufbar sind.

So muss es auch Jörg Hube ergangen sein, als er Jens Harzer bei der Aufnahmeprüfung für die Münchner Falckenberg-Schule „durchboxte“. Davor war Harzer bereits von der Folkwangschule in Essen abgelehnt worden. Heute hat er sogar Verständnis dafür: „Das sind doch immer ganz subjektive Wahrnehmungen der Prüfer, wenn man da als 18jähriger anrückt und etwas vorspielt. Ich würde da niemandem einen Vorwurf machen. Man kommt aus einem kindlichen Nichts, und da gucken Leute zu, die müssen dann sagen, ob das gut oder spannend ist. Das gehört wohl dazu, dass Leute, die etwas können, zuerst abgelehnt werden, oder erst später, oder auch nie entdeckt werden, oder manche sofort, die vielleicht nach drei Jahren Schule völlig geheimnisvoll sind. Als ich von Essen nach Hause gefahren bin, habe ich so etwas wie Scham empfunden: die Scheu wächst durch Ablehnung.“

Wird man da nicht zum großen Philosophen, wenn man am eigenen Leib erfährt, dass ein einziger Mensch, in diesem Fall Jörg Hube, die Weichen für die Zukunft stellen kann?

Harzer: „Das hat sich mir von Anfang an dargestellt, wie sehr dieser Beruf vom Glück abhängig ist. Nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule gibt es ein halbes Probejahr, dann findet wieder eine Prüfung statt, die über die Möglichkeit des Weiterstudiums entscheidet. Drei Wochen vor dieser Prüfung sagte ein Lehrer zu mir, dass ich ein sehr schmales Talent hätte. Ich habe gelacht und frech gesagt: ,Aber wenigstens Talent, oder ?‘ Gleich nach der Prüfung machte Christian Stückl seine zweite Inszenierung an den Münchner Kammerspielen: ,Viel Lärm um Nichts‘ und holte mich für eine kleine Rolle.“

Mittlerweile zählt Harzer zu den jungen Stars der „Kammerspiele“, hat mit Regiestars wie Dieter Dorn, Herber Achternbusch, Peter Zadek oder jetzt, in Salzburg , mit Thomas Ostermeier gearbeitet. Er hat den Urfaust und den Tasso gespielt.

Welche Eigenschaften sollte ein Regisseur haben, dem sich Harzer gerne anvertraut?

„Ganz utopisch formuliert, ist es der Zauber, der von einer Arbeit ausgeht, von der gemeinsamen Beschäftigung mit dem Stück, die womöglich dann zur Verführung wird, in welcher Handschrift auch immer. Voraussetzung ist der gemeinsame Traum von einer Arbeit. Man folgt ja auch gerne Gedanken, die man selber noch nicht gehabt hat.“

Obwohl die „Kammerspiele“ die künstlerische Heimat von Harzer war, hat er auch neugierig – und mit von Kritik und Festspiel-Publikum hochgewürdigtem und respektiertem Ergebnis – als Gast mit den „Schaubühnen“- Leuten zusammengearbeitet. Braucht Harzer das familiäre Umfeld eines gewachsenen Ensembles für die künstlerische Arbeit? „Ich habe das bisher jedenfalls geglaubt. Hier in Salzburg war ich sozusagen zum ersten Mal in der Fremde. Es war nicht einfach. Gerade, wenn man wie ich literarisches Theater machen möchte, das Stück und den Dichter ernst nimmt, wenn man an die Macht des Wortes und die Macht der Literatur glaubt, dann wächst der Wunsch, dem Stück und der Welt seines Dichters etwas abzutrotzen, ihr nahezukommen, einen eigenen Keil reinzuschlagen oder sich vollkommen verwandeln zu lassen. Das bedeutet nicht, das ich grundsätzlich etwas ausschließe, etwa die Fragmentierung von Stücken. Aber nehmen wir zum Beispiel Kleist: den braucht man doch nicht zu zertrümmern, der zeigt uns doch die Verhackstückung unserer Seelen. Je tiefer man in ein Material hineinschaut, desto mehr zeigt es seine Kehrseiten, die verschlossenen Seiten, desto mehr zeigt es auch, wie fremd es bleibt: das sollte man auch zum Thema seiner Vorstellung machen.“

Irgendwann hat der junge Schauspieler in einem Interview den Vorsatz formuliert, im Privatleben das Dramatische möglichst ausschließen zu wollen. Ist das bisher gelungen? „Das hab ich zu einer Zeit gesagt, wo ich in München sieben Rollen auf einmal spielte. Ich wollte damit ausdrücken, dass ich zwar nicht konfliktscheu bin, aber im Privaten, zum Beispiel mit meiner Freundin, auf dramatische Spannung verzichten kann. Jetzt, drei Jahre nach diesem Satz, würde ich das nicht mehr so formulieren! Es ist dann doch zu viel passiert.“

Anmerkung:

Das Gespräch fand im August 2000 statt. Seit 2009 ist Harzer festes Mitglied des Ensembles am Thalia Theater in Hamburg. 2011 wurde Harzer für seine Darstellung des Marquis Posa in der Hamburger Inszenierung von Don Karlos erneut als „Schauspieler des Jahres“ ausgezeichnet. 2012 sprach er den Stephen Dedalus im Hörspiel „Ulysses“ nach James Joyce, dem mit einer Laufzeit von mehr als 22 Stunden bis dahin längsten Hörspiel des SWR und einer der aufwändigsten Hörspielproduktionen der ARD. Harzer wurde auf der Frühjahrs-Mitgliederversammlung der Akademie der Künste Berlin am 25. Mai 2013 als neues Mitglied in die Sektion Darstellende Kunst gewählt. (Quelle: Wikipedia)

#GESPRÄCHE_IN_GRENZEN: #JUTTA_LAMPE. #Theater

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Eine Frau mit Doppelleben:

Lili Groth, Gattin eines Wirtschafts-Professors, verliert ihr Gleichgewicht, weil sie neben ihrem gesicherten Leben , , als Partnerin eines Popmusikers, noch Abgründe kennenlernen möchte. Jutta Lampe spielte diese schillernde Figur in der Uraufführung des Botho-Strauß-Stücks „Das Gleichgewicht“ 1993 bei den Salzburger Festspielen in virtuoser Vielschichtigkeit. Später war sie die ausgeflippte Gutsbesitzerin in Peter Steins dichter, gar nicht elegischer Inszenierung von Tschechows „Der Kirschgarten“.

Auch diese Frau im Kirschgarten ist eine Frau, die mehrere Leben nicht auf die Reihe bringt, nichts von sich preisgibt, und wie eine Schauspielerin im Mittelpunkt ihres eigenen Untergangs steht.

Jutta Lampe: „Natürlich ist sie zu großen Gefühlen fähig. Sie ist ein Mensch, der in einer Durchgangszeit lebt. Das Problem ist, dass diese Menschen, und da beziehe ich mich durchaus ein, nicht mehr spüren, was verloren geht. Sie ist oberflächlich und auch wieder nicht, sie ist wahnsinnig großzügig, sie ist kindlich und lebenshungrig und in der Lage, jeden Moment zu leben und nicht geizig mit dem Leben umzugehen. Sie ist aber nicht in der Lage, um etwas zu kämpfen; sie ist nicht zielgerichtet, wie wir heutigen Menschen zum Beispiel, auch die jüngere Generation. Manchmal denke ich, wir wissen gar nicht, wie man richtig lebt. Das wussten die Tschechow-Menschen noch.“

Gibt es Parallelen zu Lili Groth bei Strauß? „Die Lili Groth ist schon eine ungewöhnliche Frau, da muss man lange in sich herumsuchen, bevor man sie nachempfinden kann. Ihr Doppelleben ist heute ja etwas ziemlich normales. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen so leben, weil der eine Teil des Lebens immer enger wird, der Mensch will nicht mehr so begrenzt sein.“

Starke Frauen am deutschsprachigen Theater

Jutta Lampe, einer der großen Stars der Berliner Schaubühne ist als Schauspielerin auch eine Frau mit Doppelleben. Ihre Anverwandlungskunst ist beinahe beängstigend. Dabei sind Frauen am Theater, was die Rollenauswahl betrifft, ziemlich benachteiligt.
Jutta Lampe sieht das differenzierter: „Der Beruf der Schauspielerin ist für mich eigentlich nie ein Problem gewesen. Das ist einer der ältesten Frauenberufe. Und ich habe auch nie das Gefühl gehabt, dass ich kämpfen muss, weil ich eine Frau bin. Ich habe auch das Gefühl, die Frauen sind sehr stark vertreten am deutschen Theater. Wir spielen gerade (Anm. 1996) in Berlin ein Stück: da sind sieben Frauen drin. Ein Problem gibt es vielleicht, wenn man älter wird, weil dann die Anforderung der Rollen weit auseinander klafft von unserem Selbstbild. Diese Probleme haben Männer nicht.“

Kritiken in den Zeitungen werden übergangen

Ihre bisher größten Erfolge hat Jutta Lampe mit Regisseuren erzielt wie Peter Stein, Luc Bondy oder aber auch Robert Wilson, mit dem sie 1989 in Berlin ihren vierstündigen Monolog nach dem Roman von Virginia Woolf , „Orlando – eine Biografie“ erarbeitete – eine Figur, die sich, beginnend im Zeitalter Elisabeths I., durch vier Jahrhunderte bewegt, dabei das Geschlecht wechselt und doch nur um 20 Jahre altert.

Nicht zuletzt für diese bravouröse Solo-Leistung wurde ihr während des Berliner Theatertreffens im Jahr 1992 der Theaterpreis der Berliner Stiftung „Preußische Seehandlung“ zugesprochen.
Es war, wie man sich denken kann, nicht die erste Auszeichnung für ihre schauspielerischen Leistungen. Wieweit beeinflussen eigentlich solche Würdigungen, aber auch die Kritik in den Medien, die berufliche Entwicklung?

Lampe: „Ich habe das nie als karrierefördernd empfunden, aber das liegt daran, dass ich an der Schaubühne, wo ich seit 1970 spiele, in einer ungemein privilegierten Situation arbeite. Mein Platz an der Schaubühne hat sich nicht verändert, nur weil ich einen Preis bekommen habe. Natürlich habe ich mich riesig über solche Auszeichnungen gefreut. Kritik in den Zeitungen nehme ich allerdings nicht mehr zur Kenntnis. Ich bin nur, wenn ich etwas höre oder lese, wenn es nicht mich betrifft, immer sehr traurig. Wenn ich höre, dass über den ‚Cäsar‘ von Peter Stein böse geredet wird, dann bin ich traurig. Wenn es mich selbst betrifft, bin ich natürlich auch irritiert, sofern es mir zugetragen wird, aber ich mag mich damit nicht mehr befassen.“

Die Arbeit an der bereits legendären Berliner Schaubühne mag dem Beobachter aus der Ferne wie ein Festspiel im Alltäglichen erscheinen: die besten deutschsprachigen Schauspieler erarbeiten unter den besten Regisseuren Muster-Inszenierungen neuer und klassischer Stücke. Hier aber einen Zusammenhang mit Salzburg herzustellen, findet Jutta Lampe doch unangebracht: „Das ist natürlich etwas gewagt, das Festspiele zu nennen in Berlin. Es ist eine ganz besondere Arbeitsweise, die wir uns da leisten konnten. Hier in Salzburg ist es für mich deshalb nicht ein so großer Unterschied, weil ich schon zweimal mit Regisseuren gearbeitet habe, unter denen ich auch an der Schaubühne gespielt habe: mit Luc Bondy und mit Peter Stein. Deshalb ist das für mich auch vertrautes Terrain. Was für mich an Salzburg anders ist, ist das Schöne, was Peter Stein hier gemacht hat, dass er nämlich viele Schauspieler holte, die noch nie an der Schaubühne waren, die aber schätzenswert sind, und mit denen ich große Lust hatte, zu arbeiten. Salzburg ist eher ein Phänomen des permanenten Festes. Wenigstens in diesen drei Monaten hat man das Gefühl, die Zuschauer feiern auch ein Fest, man nimmt teil daran, was auf dem Theater, in der Oper, passiert.
Das ist stimulierend. Das gibt es in dem Maße nicht mehr in Berlin. Wenn es das einmal gegeben hat, dann ist das schon 15 Jahre her.“

Das Theater hinkt immer ein bisschen nach

„In Berlin ist es mit den Festen zu Ende. Alle müssen sparen, alle müssen sich umstellen. Auch die Arbeitsbedingungen sind schwieriger geworden. Natürlich hat das mit dem Fall der Mauer, der deutschen Wiedervereinigung, zu tun. Gerade in Berlin ist man im Zentrum der großen Schwierigkeiten und Umwälzungen. Ich habe manchmal das Gefühl, in München, oder überhaupt in Westdeutschland, weiß man überhaupt nicht, was da eigentlich passiert ist. Berlin hat mächtig zu kämpfen: alle Menschen sind nervös, niemand weiß, wie es weitergehen soll, es ist beunruhigend im Moment.“
Und die vielzitierte Aufbruchstimmung, die in Berlin herrschen soll, wird das Theater davon nicht erfasst? „Das weiß ich nicht. Theater hinkt ja immer ein bisschen nach. Ich meine auch, dass da viel umstrukturiert werden muss, so luxuriös geht es ganz bestimmt nicht weiter. Das Theater braucht furchtbar viel Zeit, sich darauf einzustellen, vor allem die Menschen, die am Theater arbeiten. Die Aufbruchstimmung gibt es auch in Berlin, aber gerade im Theaterbereich sehe ich das überhaupt nicht. Ich glaube auch, dass es zu viele Theater in Berlin gibt. Im Moment können wir die Häuser nicht füllen. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen zur Zeit nicht so viel Muße und Geld haben, ins Theater zu gehen. Es ist auch nicht deutlich, was gewollt wird am Theater, worauf es letztendlich hinaus läuft, und das Publikum weiß auch nicht, was es will.“

In Salzburg gibt es das also : ein permanentes Fest, wenigstens drei Monate lang. Kommt Jutta Lampe neben ihrer Arbeit überhaupt in den Genuss dieser Festesstimmung ?

„Ich versuche alles zu sehen, was hier angeboten wird.
Wenn man das bezahlen kann. Alles im Schauspiel, auch die Gastspiele, habe ich gesehen. Dann fahre ich gerne hinaus in die Natur, spazieren gehen, auf der Alm sitzen mit Freunden und Kollegen. Das ist schon ein bisschen wie Ferien. In Berlin sitzt man so zwischen Steinen. Hier in Salzburg lebt alles von gewachsener Kultur, in den kleinsten Details. Berlin ist ganz bestimmt eine der interessantesten Städte, aber es nicht schön. Es ist auch nicht offenherzig, auch nicht freundlich und einladend. Jede Art von Kultur muss erkämpft werden. In Salzburg leben die Menschen schon seit Jahrhunderten damit, das ist ein anderes Lebensgefühl. Darum bin ich sehr gerne hier.“

Immer wird gleich der Mensch abgesägt

Nächstes Jahr wird Jutta Lampe nicht bei den Salzburger Festspielen sein. Das soll aber, trotz der Demission von Peter Stein als Schauspieldirektor, kein Abschied für immer sein: „Wenn er länger geblieben wäre, dann hätte man sicher etwas Neues überlegt. Ich bin gerne in Salzburg.Ich glaube, dass er ein sehr schönes Konzept hatte. Ich weiß auch nicht – diese Reaktionen: nicht vom Publikum, von der Kritik. Wenn man etwas auszusetzen hat, dann wird gleich der ganze Mensch abgesägt und beschimpft. Dass steht in keinem Verhältnis. Tod und Leben, Sein oder Nichtsein….“
Jutta Lampe, eine Frau mit vielen Gesichtern und vielen Leben: in Salzburg ist sie sozusagen auf Ferien, in Berlin arbeitet sie (in Flensburg wurde sie übrigens geboren.Wo ist sie eigentlich zu Hause? „In Berlin bin ich zu Hause.“ Mit allen Konsequenzen? Ist das Heimat? „Das ist ein sehr umfassender Begriff. Aber es ist wenigstens ein Stückchen Heimat….“

(Das Gespräch erschien am Samstag, dem 24. August 1996, in einer Salzburger Zeitung.)

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