Dass der Mensch vom Menschen was erfährt: #Christine_Ostermayer.#Theater

Günter Verdin sprach mit Christine Ostermayer

(Das Gespräch wurde im Januar 1986 für die Sendung „Leute“ in SDR3 geführt)

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Sie ist Shaws Johanna, Goethes Gretchen, Schillers Maria Stuart, Nestroys Salome Pockerl, Schnitzlers Komtesse Mizzi, Lerner und Loewes Eliza. Für ihre Art der Rolleninterpretation gibt es nur einen Namen: Wahrhaftigkeit. Wer sie einmal gesehen hat, wird süchtig nach der leisen Melancholie und dem weisen Humor, die in der Melodie ihres Sprechens mitklingen. Zwanzig Jahre lang hat die Österreicherin Christine Ostermayer am Residenztheater in München die großen Rollen der Weltliteratur auf unvergleichlich behutsame Weise gespielt. Sie wurde mit dem Titel Staatschausspielerin und dem Förderpreis der Stadt München geehrt.

Mit 49 Jahren steht sie nun am Gipfel ihrer Karriere, die Mitwelt flicht ihr Kränze, die Theater und Fernsehanstalten überhäufen sie mit Rollenangeboten. Sollte man meinen!

Es fließen ineinander Traum und Wachen,

Wahrheit und Lüge. Sicherheit ist nirgends.

Wir wissen nicht von andern, nichts von uns.

Wir spielen nichts von anderen, nichts von uns

Wir spielen immer, wer es weiß, ist klug

(Arthur Schnitzler, Paracelsus 1899)

Mit 49 Jahren ist Christine Ostermayer fast am Ende, also am Anfang. Sie ist vom Residenztheater weggegangen. Warum sie vor zwei Jahren diesen auffälligen Schlussstrich gezogen hat, will sie nicht sagen. Es ist überhaupt schwer, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie hasst Interviews: „Vor Jahren dachte ich noch, dass das zum Beruf gehört, Auskunft zu geben. Dann habe ich aber so viel Blödes und Entstellendes lesen müssen, was ich nie gesagt habe. Das ärgert mich, weil es mich belastet. Es geht mir tagelang nach, was ich wieder für einen Quatsch gesagt haben soll. Und dann finde ich auch, dass sowieso alles zerredet wird. Und ich meine, ich habe nichts Wichtiges zu sagen. Das ist der Hauptgrund dafür, dass ich keine Interviews gebe.“

Das Gespräch erreicht spürbar seine Grenzen, wenn wir uns dem wunden Punkt München nähern. Die Ostermayer wohnt noch immer in München, aber sie ist jetzt viel unterwegs: zuletzt war sie mit „Komtesse Mizzi“ auf Tournee.

„Da ist viel zusammengekommen.“ umschreibt die Schauspielerin ihre Probleme mit dem Residenztheater. „Es ist auch eine Altersfrage. Auf mich kommt jetzt ein neues Fach zu. Das ist alles nicht sehr einfach, denn Frauen sind ja in der Weltliteratur nicht vertreten, uns gibt es ja gar nicht! Wir leben zwar in einer Phase der Emanzipation, aber auf dem Theater existieren wir nicht. Schauen Sie sich doch nur die neuen Stücke an: reine Männerstücke, ausschließlich Männerprobleme. In den 50er Jahren, als ich zum Theater ging, da war für Männlein und Weiblein ein großes Feld zu beackern.“

Hat die Ostermayer die selbstverursachte Trennung von ihrem Stammhaus in München seelisch nicht verkraftet?

„Trennungen sind immer schmerzlich. Ich bin ein Gluckenmensch, ich brauche eine familiäre Umgebung. Das ist sehr schlimm auf der freien Wildbahn: man muss abliefern, man darf nicht suchen, man hat keine Zeit, sich zu entwickeln.“

Beruf mit Glück

Gedankenflug weg aus der deprimierenden Gegenwart hin zu den Anfängen. Jetzt verwundert mich auch das nicht mehr: Christine Ostermayer war alles andere als eine Senkrechtstarterin.
„Ich habe am Wiener Reinhardtseminar studiert und hatte das große Glück, als einzige meines Jahrganges ein Engagement zu bekommen. Und dann habe ich acht Jahre lang in der Provinz geackert. Und dann hatte ich wiederum das große Glück, dass ich Intendanten und Regisseure fand, die mich sehr gefördert haben. Sie merken schon: Ich habe ständig das Wort Glück im Mund, weil unser Beruf nur mit Glück zu tun hat, mit Können überhaupt nichts.“

Plötzlich horchte die Fachwelt auf: eine gewisse Ostermayer spielte in O‘ Neills 1923 entstandene Tragödie über Rassenpobleme:“Alle Kinder Gottes haben Flügel“. Nochmals Glück: das Engagement nach München, und wieder Glück: die Intendanten Helmut Henrichs (Anm. Nicht zu verwechseln mit dem Theaterkritiker Benjamin Henrichs, seinem Sohn) und Kurt Meisel. „Das sind Menschen, die mich verstanden haben. Die auch verstanden haben, dass ich auf mich aufpassen muss. ich war schon seit 1970 nicht mehr im festen Vertrag, weil ich nach jeder Aufführung so erschöpft bin, dass ich glaube, ich schaffe es nicht mehr. Ich kann nicht jeden Abend die Widerspenstige spielen, oder das Gretchen. Man muss aufpassen, man muss die Kräfte zusammenhalten.“

Christine Ostermayer spricht viel vom Glück – in der Mitvergangenheit. Hat das Glück keine Gegenwart? „Ich glaube, dass es auf und ab geht. Momentan weiß ich nicht, ob es noch bergab geht oder schon langsam bergauf.“

Im Prinzip Hoffnung? „Ich habe das große Glück, ein von nichts abhängiger Mensch zu sein. Ich habe keine Ängste. Also, wenn ich entdecke, dass niemand mehr meine Stimme hören will, dass mich niemand mehr engagiert, dann erfüllt mich das nicht mit Angst.“
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Gespräch mit der Komtesse Mizzi

Ein wenig schwingt in diesem Gespräch die Komtesse Mizzi mit: ein Pendeln zwischen Resignation und Aufbruchstimmung, rätselhafte Traurigkeit, die tiefverwurzelt scheint im Wesen. Die Arthur Schnitzlers Komtesse Mizzi hat die Ostermayer auch schon im Fernsehen gespielt. „Aber damals war ich zu jung, glaube ich. Wir haben in Wien in einem wunderbaren Palais gedreht. Schnitzler ist für mich ein ganz aufregender Autor. Aber das hängt auch mit dem Österreichertum zusammen.“

Irgendwann will die Ostermayer die Mutter Courage spielen. „Ich hoffe, dass das einer mit mir macht. Früher hieß es immer, ich sei zu jung für die Rolle.“ Die Ostermayer und ihr Alter. Wie ist sie auf das
Älterwerden, auf dieses Zuleben aufs Alter, vorbereitet? „Ich finde das alles spannend. Was mein Privatleben betrifft, finde ich das Älterwerden wirklich hochspannend. Man wird ja jeden Tag gescheiter. Man lebt viel bewusster als in der Jugend – man ist jung, und weiß nicht, dass man jung ist – ich resigniere überhaupt nicht. Nur gibt es eben die Tatsachen im Berufsleben, Arbeitstatsachen, gegen die ich nicht revoltieren kann. Ich könnte nur sagen, jetzt schreibe ich mir selbst etwas, aber das schaffe ich nicht“

Das Thema Krise

Die Krise der Christine Ostermayer, die Krise des Schauspiels. Welchen Standort hat der Beruf das Schauspielers im sozialen Gefüge, ist er dort angesiedelt, wo die Träume beginnen, oder mittendrin im realen Leben?
„Ich glaube: schon sehr am Rande. Aber das ist von Land zu Land verschieden. In Österreich haben wir ein Publikum, dass das Theater braucht wie die Luft zum Atmen. Das ist im übrigen deutschsprachigen Raum nicht der Fall. Aber auch da da gibt es regionale Unterschiede. In Berlin hat das Theater auch große Bedeutung, nicht als Traumfabrik, sondern als Vermittler wichtiger Inhalte, die mit dem wirklichen Leben zu tun haben. Der Vorhang geht auf, das ist ein ganz alter, einfacher Vorgang: Bilder anschauen, Sprache erleben. Es ist wichtig, dass der Mensch vom Menschen was erfährt.“

Der Sicherheit entflohen

Auch Christine Ostermayer will immer Neues über den Menschen erfahren. Deswegen ist sie der Sicherheit entflohen und hat sich in Ratlosigkeit gestürzt. Natürlich würde sie auch bei freien Theatergruppen mitspielen, wenn die Rolle spannend genug wäre. Aber da ist ja wieder das Alter. „Die Jungen empfinden uns Ältere doch als Establishment. Gegenseitige Abwertung unter den Generationen, aber das ist überhaupt in diesem Beruf so, jede Sparte wertet die andere ab, da gibt es kein Miteinander, nur ein Gegeneinander, Innerhalb eines Hauses bilden sich bestimmte Gruppen. Als ich zum Theater kam, da gab es nur eine Gruppe, nämlich das Ensemble. Heute sind das drei, vier Ensembles, die einander bekämpfen, und natürlich vermittelt sich das nach unten. Wir sollten uns alle wieder auf unsere Aufgabe besinnen, nämlich für das Publikum da zu sein! Jede Form der Unterhaltung hat ihre Berechtigung. Das sieht man am besten in London, wo es ein Riesenspektrum an Unterhaltungsformen gibt. Wir sind alle zur Unterhaltung da! Und niemand hat die Berechtigung zur Arroganz gegenüber Kollegen und Publikum.“

Kritik an den Kritikern

Da wären wir ja schon beim Thema Kritik. „Ich habe zur Kritik ein gespaltenes Verhältnis. Ich glaube nicht, dass es heute noch eine
Handvoll Kritiker gibt, die sich mit Spaß an der Sache, mit Interesse und Wissen mit einer Aufführung auseinandersetzen. Ich lese keine Kritiken mehr. Das ist leider auch ein Resultat des Älterwerdens, dass die Nerven immer mehr bloß liegen. Ich schaffe es nicht mehr, mir in einem Satz bescheinigen zu lassen, dass ich drei Monate Arbeit vergeblich gemacht habe. Ich kann von Kritikern nichts mehr lernen. Ich habe seit vier Jahren keine mehr gelesen.“

Vielleicht fällt es den Kritikern zunehmend schwerer, die richtigen Worte für die subtile Kunst dieser imponierenden Frau mit ihrer zeitlosen Ausstrahlung zu finden. Eine Journalistin nannte die Ostermayer einen Kristall, in dem die Rollen tausendfältig blitzen. Christine Ostermayer strahlt aus sich heraus. Eben fällt mir auf, dass sie keinen Schmuck trägt.

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Christine Ostermayer als Salome Pockerl und Helmuth Lohner als Titus Feuerfuchs in „Der Talisman“ von Johann Nepomuk Nestroy. Salzburger Landestheater. Salzburger Festpiele. 1976.
© IMAGNO/Barbara Pflaum Photographie.

Theaterrollen (Auswahl):

Zoe in James Saunders „Ein Duft von Blumen“ (1965, Regie: Hans Lietzau)

Piperkarcka in Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ (1966)

Titelrolle in Jean Anouilhs „Antigone“ (1966; Regie: jeweils Helmut Henrichs)

Mari in Julius Hays „Haben“ (1967, Regie: Rudolf Wessely)

Laila in Jean Genets „Die Wände“ (1968)

Rosalind in Shakespeare „Wie es euch gefällt“ (1968, Regie: jeweils Hans Lietzau)

Titelrolle in Ibsens „Nora“ (1969, Regie: Henrichs)

Viola in Shakespeares „Was ihr wollt“ (1967, Regie: Johannes Schaaf)

Berta in Marieluise Fleißers „Pioniere in Ingolstadt“

Gretchen in Goethes „Urfaust“ (1972, Regie: Helmut Henrichs)

Viola in Shakespeares „Was ihr wollt“ (1972, Salzburger Festspiele; Regie: Otto Schenk)

Isabella in Shakespeares „Maß für Maß“ (1973, Regie: Rudolf Heinrich)

Polly in Bertolt Brechts „Die Dreigroschenoper“ (1974)

Titelrolle in G. B. Shaws „Die heilige Johanna“ (1975, Regie: jeweils Merlin Fried)

Julie in Franz Molnárs „Liliom“ (1975, Regie: Kurt Meisel)

Titelrolle in Schillers „Maria Stuart“ (1981, Regie: Meisel)

Die Dame in August Strindbergs „Nach Damaskus“ (1983, Regie: Erwin Axer)

Film- und Fernsehrollen (Auswahl):

Der zerbrochne Krug (als Eve Rull; mit Paul Dahlke und Ernst Fritz Fürbringer), 1965

Der Widerspenstigen Zähmung (als Katharina; mit Klaus Maria Brandauer; Regie Otto Schenk), 1971

Was Ihr wollt (Regie Otto Schenk, mit Klaus Maria Brandauer und Josef Meinrad), 1973

Der Sieger von Tambo (mit Hans Brenner und Will Quadflieg), 1973

Tatort: Acht Jahre später (als Frau Pallenburg) (Regie: Wolfgang Becker, mit Hansjörg Felmy und Willy Semmelrogge), 1974

Komtesse Mizzi (Regie Otto Schenk, mit Karl Schönböck), 1975

Derrick: Lohmanns innerer Frieden, 1983

Tatort, Folge 221: Alles Theater (als Anna Pfeil; mit Heinz Drache, Dietrich Mattausch, Jürgen Heinrich, Daniela Ziegler; Regie: Peter Adam), 1989

Madame Bäurin (Regie Franz Xaver Bogner, mit Julia Stemberger), 1993

Späte Gegend (mit Ruth Drexel, 1998

Alle meine Töchter (mit Jutta Speidel), 1998

Jedermann (mit Ulrich Tukur und Dörte Lyssewski), 2000

Der Bulle von Tölz, Folge 43: Klassentreffen (als Klara), 2003
München 7, Folge 8: Nur vorübergehend (als Anna-Maria Rapp), 2004

Der Winzerkönig (mit Harald Krassnitzer und Katharina Stemberger), 2005 – 2009

Der Kaiser von Schexing, Folgen 6 (Schau, was ich kann) und 7 (Weiber) (als Antonia Waldenfels), 2008

Und ewig schweigen die Männer (als Trude), 2008

Anfang 80, 2011

Auszeichnungen:

Kainz-Medaille, 1975

Nestroy-Ring, 1999

#ANDRÉ_HELLER: #Kunst ist überlebensnotwendig/#Gespräche_in_Grenzen (2/Teil 2)

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Roncalli, Flic-Flac und Feuertheater in Lissabon und West-Berlin: die Welt saugt sich voll mit Hellers Träumen . Angesichts horrender Arbeitslosigkeitszahlen liegt freilich der Einwand nahe, dass es nahezu mutwilliger Luxus ist, heute wie ein barocker Fürst Millionen in der Luft zu verpulvern.

Heller: „Wenn eine Million Menschen gemeinsam Strawinsky hört, und dazu riesige brennende Bilder sieht, dann ist das ebenso berechtigt wie die ‚Zauberflöte‘ von Mozart oder jeder Film von Wim Wenders.
Wenn man wie ich der Ansicht ist, dass Kunst lebensnotwendig für die Stabilität unserer Seele ist, dass sie eine große Lernhilfe ist und eine große Quelle der Kraft, dann ist das Geld nicht verschwendet, wenn es verantwortungsbewusst eingesetzt wird.“

Geht man von der konventionellen Dramaturgie aus, dann stehen Feuerwerke immer am Schluss und bilden den Höhepunkt eines Ereignisses. Was also kann danach für André Heller noch kommen?

„Ich habe den Beruf des Feuerwerkers gelernt, und jetzt lerne ich den Beruf des Gärtners. Ich werde für die 750-Jahr-Feier in Berlin, 1987, einen Park, ein Labyrinth anlegen, welches auch den Charakter eines Nach-Denkmals haben wird, also etwas, worin man spazieren geht und etwas über sich erfährt, das man wie ein exterritoriales Gebiet betreten kann, um auszuzittern. Ich glaube, dass wir in unseren Städten die ja ausgeplünderte und gedemütigte Städte sind, Reservoirs der Qualität brauchen, Intensivstationen, wo sich der Mensch die Kraft eines Baumes holen kann und Gerüche von Pflanzen, die Magie von Licht und Schatten, die Geräusche von Brunnen, die gnadenspendende Fähigkeit der Bilder und Objekte. Das ist auch für mich wichtig. Ich komme doch so aus dem Künstlichen. Ich muss mich stimmen auf den Ton, den die Erde hat.“

Sich veröffentlichen

Heller hat in sich hineingehorcht und nach außen beobachtet. Indem er Stück für Stück von sich veröffentlicht, sei es in diesem Gespräch, sei es in seiner Laufbahn als Magier der Träume, verliert er sich und gewinnt sich neu dazu. Mit Narzissmus hat das wenig zu tun, in der Liebe aber wurzelt bei ihm alles.

„Ich will, das meine Arbeit geliebt wird. Ich kann nicht so kokett tun und sagen, es gäbe Millionen , die das können, was ich tue. Irgendwann muss man das zur Kenntnis nehmen, dass es zur Zeit niemanden auf der Welt gibt, der solche Projekte verwirklicht. Und wenn selbst die Amerikaner und die Japaner zu mir kommen und mir sagen, komm zu uns und mach das, wir haben da niemanden, da darf man schon sagen, dass das eine seltene Begabung ist.“

Wie lenkt sich dieser Heller eigentlich von sich selber ab? „Es ist nicht sehr lustig, mit mir zu leben. Irgendwie leide ich auch unter diesem Phantasiezwang. Ich hätte auch gerne einmal eine Pause. Denn ich habe ja keinen Beruf, sondern einen Zustand, in dem ich lebe. Wann immer ich etwas betrachte, beginne ich zu assoziieren und verändere das. Ich habe mich einmal selbst als Kapriolenschwein bezeichnet, das alles mit sich besudelt. Das ist sicher auch etwas Krankhaftes, eine Deformation im Kopf. Ich bin mir oft sehr anstrengend.“

Gespräche gelangen oftmals an eine Grenze, wo das Staunen, wo Bewunderung aufhören und das Verstehen beginnt.

#GESPRÄCHE_IN_GRENZEN (2): #André_Heller

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Der Künstler als sehr junger Mann

„Gespräche in Grenzen“ sind keine Interviews, sondern (oft stundenlange) Versuche, sprechend Außen-Ansichten und liebevoll gepflegte Images zu korrigieren. „Gespräche in Grenzen“ sind Protokolle, die Günter Verdin für SDR 3 aufzeichnete. Das Gespräch mit André Heller entstand im Jahr 1985.

„Wir sind nicht als Menschen geboren worden“, sagt André Heller, „sondern als Entwürfe zum Menschen. Wir sind auf der Welt, um uns lernend zu verwandeln. Wir können uns aber nur lernend verwandeln, wenn wir unser Lernpensum erfüllen. Mein Lernpensum besteht darin, durch alle Schwierigkeiten, die alle zu meinem Wohl eingerichtet sind, durchzugehen und das, was ich als meinen Auftrag erkannt habe, zu verwirklichen.“

Heller spricht von seinen Träumen. Ich bewundere an ihm die Zielstrebigkeit, mit der er seine Träume der Wirklichkeit überlässt. Mir fällt Gaudi ein, der beinahe gnadenlos ganze Städte mit seinen Jugendstillbauten übersäte. „Man hört ja immer nur von den Dingen, die realisiert wurden. Aber ich bin kein Glückskind, dem alles zufliegt. Ich habe gelernt, dass die Frucht am Ende aller Schwierigkeiten eine sehr köstliche ist. Man lernt immer, auch wenn etwas nicht gelingt.“

Poesie ist das Brot der Seele

Träumen ist ein Prozess, der mit geschlossenen Augen abläuft. Muss man auch die Ohren verschließen, um so hartnäckig wie Heller träumen zu können?
„Es ist ja nicht umfassend geliebt, was ich ich tu. Das finde ich auch auch ganz richtig.“

Noch habe ich den Eindruck, dass Heller die Liebe anderer ohnedies weniger benötigt als die eigene zu sich selbst. Später werde ich dieses Vorurteil korrigieren.

„Künstler sollen nicht verlangen, dass alle Welt auf ihrer Seite ist. Für viele ist das oft sperrig und unverständlich, manchen erscheint ja Kunst sträflicherweise als Luxus. Sie begreifen nicht, dass Kunst eine der Grundnotwendigkeit des Lebens ist. Poesie ist das Brot der Seele, habe ich einmal gesagt.“ Er zitiert sich genau so oft selbst wie er andere zitiert, denen er sich geistig brüderlich verbunden fühlt. Er wirkt dabei übrigens nicht eitel, eher irritiert, weil ihm keine besser zutreffende Formulierung einfällt als die schon gebrauchte. Heller sieht sehr wohl die Egozentrik des Träumens, aber er hat auch eine soziale Komponente entdeckt: die der Ermutigung: „Es gibt Menschen, die meine Erfahrungen und meine Arbeitsergebnisse für sich brauchen, weil es sie an die Möglichkeiten der eigenen Kreativität erinnert. Ich kann nur sagen, das sind meine Lösungen, und es hat sich für mich ausgezahlt, die Herausforderungen anzunehmen, und ich rate jedem, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen und sich lernend zu verwandeln, denn am Schluss kann man sich selbst besser achten und geht ohne Magengeschwüre schlafen.“

Welt der Zwischentöne

Vielleicht ist der Begriff Traum im sprachlichen Gebrauch zu passiv besetzt? „Was ich unter Traum verstehe, das meint eine bessere Welt, eine Welt der Zwischentöne, die Erbarmen mit uns hat, in der man sich selber zugeben darf, wo man nicht ununterbrochen lügen muss. Jeder Mensch ist ein Wunder und hat ein Recht, sich achten zu dürfen. Diese Gegenwelt müssen wir errichten gegen die banale und demütigende Welt, die uns die Politiker, die Machthaber und die großen Konzerne beschert haben. Wir müssen sie herstellen mit den Mitteln der Phantasie, aber, realistisch gesehen, auch täglich dafür arbeiten. Es nützt nichts, wenn man zu Hause sitzt und davon träumt, man muss diese Welt verwirklichen. Ich sage immer, dass der Gedanke zur Tat schrumpft. Es wird natürlich kleiner, aber das kleinste Verwirklichte ist immer noch besser als das kühnste Nichtverwirklichte. “

Ein Narr ist derjenige, der sich irren darf

Heller ist Optimist. Er glaubt an die Schneeballwirkung dessen, was er in die Welt setzt. Doch er kennt natürlich auch depressive Phasen, wo er das alles als nichtig und unwichtig betrachtet:“Ich verstehe auch sehr viel von der Kritik, die an mir geübt wird, also Einwände wie: Ist das denn überhaupt noch seriös? Wie kann denn jemand auf so vielen Hochzeiten tanzen? Ich verstehe, dass einen das verwirren kann, aber ich weiß auch, dass das meine Begabung so will, dass sie auch das Recht hat, das zu fordern, sonst hätte ich diese Begabung nicht in diesem Maße. Ich verstehe mich als jemand, der sozusagen angestellt ist bei sich selber und versuchen muss, alles möglichst wahrhaftig zu verwirklichen, wovon er träumt. Und ich glaube, dass die Macht der Phantasie sehr groß ist. Ich meine, dass wir in dieser harten realen Welt nur dann eine Chance haben zu überleben, wenn wir die Haltung, die Menschen wie ich vertreten, zu einer allgemeinen Haltung machen. Wir können nicht mit der Gefährdung, mit der Waffenbedrohung und der ökologischen Situation leben, dieser Zeitbombe, die ja teilweise schon explodiert ist, ohne uns zu verändern. Es gibt einen magischen Zusammenhang zwischen der Effizienz unserer Forderungen und dem, was wir leben. Unsere Forderungen sind nur soviel wert, wie wir selber davon leben. Und das ist schwierig. Ich bin jemand, der das für sich noch nicht im Geringsten verwirklicht hat, sondern der sich täglich bemüht, die Schlacht gegen sich selbst nicht zu verlieren.“

Träumer und Narren verändern die Welt, indem sie ihre Visionen leben. Eine LP von André Heller hat den Titel „Narrenlieder“. Der Narr als literarische Figur ist ein schönes Bild für das bessere Wissen in uns, das wir vor den äußeren Zwängen verbergen. Für Heller ist der Narr jemand mit einer anderen Sensibilität: „Ein Politiker darf sich nicht irren, er kann nicht übermorgen sagen: ich habe vorgestern etwas gesagt, was heute nicht mehr stimmt, denn ich habe gelernt. Nein, er lernt nicht, er ist stolz, dass die Position, die er vor acht Monaten eingenommen hat, scheinbar noch immer stimmt. Er darf sich nicht widerrufen, in Frage stellen. Dadurch wird er zum Unmenschen, er wird zu einem gequälten, valiumgepölzten Geschöpf. Ein Narr ist derjenige, der sich in irrten darf.“

Furchtlos vor der Macht

Bevor Heller daranging, der Wirklichkeit Poesie zu verordnen, arbeitete er an der eigenen Entwicklung. Dass er in einer Großindustriellenfamilie aufgewachsen ist, sieht er als große Chance: „Ich habe früh viele Städte gesehen, ich bin aufgewachsen mit einer wunderbaren Bibliothek und herrlichen Büchern, ich lernte früh berühmte Architekten und Schriftsteller kennen, die bei uns zu Gast waren. Und ich habe früh gelernt, keinen Respekt vor Obrigkeiten zu haben. Das ist eines der unbezahlbaren zentralen Dinge in meinem Leben, dass ich das Gefühl habe: kein Mensch darf mich zusammenscheißen. Ich kann einen bestimmten Tonfall nicht ertragen. Ich bekomme auch keine Schweißhände, wenn der Bundespräsident auf mich zukommt, ich denke mir, das ist ein Diener an diesem Staat, den ich im positiven Fall mitgewählt habe. Ich glaube, ich hätte mich nie so durchsetzen und so viele Dinge verwirklichen können, wenn ich diese Furchtlosigkeit vor den Reichen und Machthabern nicht hätte. Das ist natürlich eindeutig ein Ergebnis der privilegierten Situation, in der ich aufgewachsen bin in einem Bezirk, wo sich die Polizisten vor den Villenbesitzern gefürchtet haben und nicht umgekehrt.“

Das Obrigkeitsdenken hat in Österreich einerseits Tradition, anderseits wurzelt es in den Existenzängsten des Bürgers und seinem Sicherheitsbedürfnis. Heller behauptet, das ihm Existenzangst Fremdwort sei: „Ich habe ja sehr oft kein Geld gehabt. Nach dem Tod meines Vaters ist die Firma verkauft worden. Meine Mutter musste ganz normal arbeiten gehen wie Millionen andere Frauen auch. Es ist also nicht so, dass ich jetzt schöpfen könnte aus dem materiellen Schatz, der einmal da war. Ich besitze auch kein Vermögen. Alles, was ich an Kunstwerken besitze, ist nur da als Pfand. Wann immer ich ein Projekt mache, setze ich das ein, damit ich keinen Chef über mir habe, der mir diktieren kann. Meine Existenzangst besteht darin, nicht genügend Freiheit zu haben, meine Pläne zu verwirklichen.“

Gift der heilen Welt des Schlagers

Heller hat denn auch ganz realistisch, um Geld zu verdienen, bei Ö3 als Diskjockey angefangen.“ Ich fand die Rockstars, die ich kennenlernte, von Jimy Hendrix über die Beatles und die Stones bis zu Janis Joplin um keine Spur interessanter als mich selbst, ich fand sie größtenteils uninteressanter als mich. Ich habe überhaupt nicht eingesehen, warum ich Berichterstatter über andere Leute sein soll.“
Heller beschloss also, seine eigenen Platten zu produzieren. Für den Zuhörer erscheint es als außerordentliches Glück, dass Heller immer ganz hervorragende Musiker fand, mit denen er seinen lyrischen Intentionen eine auffallend stimmige klangliches Umsetzung angedeihen ließ. Heller widerspricht: „Das ist überhaupt kein Glück. Das ist eine Willenserklärung, die man in die Tat umsetzt. Ich habe mich immer darum bemüht, dass die besten Musiker auf der ganzen Welt meine Geschichten mit ihren Mitteln miterzählen. Ich habe bereits vor zehn Jahren mit Chaka Khan ein Duett gesungen, sie ist heute ein Weltstar. Ich habe mir auch Partner aus dem klassischen Bereich geholt, ich habe mir wunderbare persische Musiker ausgesucht. Mir erscheint die Musik wichtig genug, um sie nicht von Studiomusikern spielen zu lassen, die heute für Christian Anders und morgen für mich zur Trommel greifen. So wie es einen sauren Regen gibt, gibt es auch ein saures Gehirn, voll mit dem Gift der heilen Welt, wie sie die Schlager suggerieren. Dieses Gift geht nicht mehr aus dem Körper.“

Die Lieder des André Heller stellen nur die eine mögliche Antwort auf die verschiedenen Fragen dar. „Es gibt Fragen in meinem Leben, die beantworte ich mit einem Theaterstück für Feuerwerk, es gibt Fragen, die beantworte ich mit meinen poetischen Varieté-Programmen. Es gibt Fragen, die beantworte ich mit einem Labyrinth oder mit einem Blumenbild auf der Gartenschau. Und dann gibt es bestimmte Situationen, da bleibt mir als Notausgang nur ein Lied. Deswegen sind meine Platten meistens so melancholisch, weil ich meine Euphorien in anderen Dingen loswerde. Wer nur meine Platten kauft, der glaubt, ich bin so ein umflorter, umwölkter Gipfel mit den Füßen im Laub und oben irgendwo in der Traurigkeit. Das ist falsch. Ich bin ein sehr euphorischer Mensch, der gerne lacht. Das war ja alles in Flic-Flac zu sehen. Und meine Pathetik, mein Wahnsinn, das kam bisher sicher am besten im Feuertheater zum Tragen.“

Zwischentöne im Zirkus

Der Circus Roncalli machte Heller auch in der Bundesrepublik Deutschland bekannt. Über das künstlerische Konzept kam es zwischen ihm und dem Zirkusbesitzer Bernhard Paul zu unüberwindbaren Differenzen. Paul führt den Zirkus, nach der Trennung von Heller, mit großem Erfolg weiter. Heller ist inzwischen weise geworden: „Das war ein schwerer Fehler von mir. Das war reiner Machtwahn. Ich habe Bernhard Paul einfach in einer rotzigen Weise in allen Dingen übergangen, ich habe ihn missachtet, weil ich den Wahn hatte, dass mir in mein künstlerisches Konzept niemand dreinreden dürfe. Als dann der Erfolg kam, haben wir ihn einfach hinausgeschmissen. Doch er hat sich eines Tages darauf besonnen, dass ihm der Zirkus ja gehört. Dann bin ich weggegangen. Das war falsch. Wir hatten ein herrliches blühendes Kind, das Tausende von Menschen Freude gemacht hat, und ich habe das einfach aus Sturheit sterben lassen. Ich glaube, dass Zirkus etwas Wunderbares ist, und dass der Roncalli, der ja heute noch auf Reisen ist, einfach der beste Zirkus ist, den es auf der Welt gibt. Auch der jetzige, mit dem ich überhaupt nichts zu tun habe, ist einfach ein grandioser Zirkus! Er wirbt für eine bestimmt Sinnlichkeit, und er wirbt für Zwischentöne, und das ist gut so.“

(Fortsetzung folgt)

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